Kann man Aggressionen wirklich managen? Erfahren Sie hier, was hinter dem Begriff des Aggressionsmanagements steckt & welche Alternativen es gibt.
Die Wut Coaches:
Dipl. Ing. Katrin Hoster
Wut Coach Merlin Faude
Dr. Med. Heidrun Schuler
Psychologe Ferdinand Kirchhof
Die Wut Coaches:
Dipl. Ing. Katrin Hoster
Wut Coach Merlin Faude
Dr. Med. Heidrun Schuler
Psychologe Ferdinand Kirchhof
Management und Aggression … wie passt das zusammen? Wahrscheinlich denken Sie beim Wort Aggression an Wutausbrüche, Gewalt oder lautstarke Streitereien. – Kann man so etwas chaotisches überhaupt managen? – Auf den ersten Blick erscheint es sinnvoller, Wut und Aggressionen zu vermeiden. Dabei ist es völlig natürlich, in manchen Momenten aggressiv zu werden. Umso wichtiger ist ein geeigneter Umgang mit diesen Situationen. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Beruf, in dem Sie manchmal auf aggressive Personen stoßen. Beispielsweise als Pflegekraft in einem Krankenhaus. Vielleicht würden Sie sich dann einen Leitfaden wünschen, um besser mit aggressivem Verhalten umgehen zu können. Eventuell haben Sie selbst ein Aggressionsproblem. Oder Sie möchten besser mit den Aggressionen anderer umgehen. In beiden Fällen kann es Ihnen helfen, wenn Sie Aggressionsmanagement beherrschen. Außerdem finden Sie in diesem Artikel heraus, auf welchen anderen Wegen Sie lernen können, besser mit Aggression umzugehen.
Stellen Sie sich Aggressionsmanagement wie ein Handbuch vor. Es soll Teams und Einzelpersonen dabei helfen, mit aggressivem Verhalten umzugehen. – Doch woher kommt diese Idee? – Ursprünglich wurde Aggressionsmanagement im Gesundheitswesen entwickelt (Farrell & Cubit, 2005). Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser sind Orte, an denen besonders viele Emotionen hochkochen (Arnetz et al., 2014). Logisch also, dass Wut und Aggression dort auch manchmal zum Ausdruck kommen. Mithilfe von Aggressionsmanagement können Teams lernen, auf genau diese Situationen zu reagieren (Farrell & Cubit, 2005).
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Über den Begriff “Systemisches Aggressionsmanagement” könnten Sie ebenfalls bereits gestolpert sein (Haase, 2015). Dieser bietet einen weiteren Ansatz, zusätzlich zur Kontrolle von Aggressionen. Beim systemischen Aggressionsmanagement wird versucht, Personen darin zu stärken, deeskalierend auf Konflikte zu wirken (siehe hierzu auch das Thema Deeskalationstraining) und souverän mit aggressivem Verhalten umzugehen. Dies ist besonders für Personen wichtig, die Hilfe bei Aggressionen benötigen. Es konnte gezeigt werden, dass mit diesem Ansatz Deeskalation geordneter und ruhiger ablaufen kann (Pilsecker et al., 2006).
Wie Sie sich bereits denken können, verfolgt das Aggressionsmanagement bestimmte, festgelegte Ziele (Schirmer et al., 2010). Diese sollen der Verbesserung der Harmonie innerhalb von Gemeinschaften dienen. Zudem soll es zu einem besseren Wohlbefinden einzelner Personen beitragen (Richter, 2005). Zu den Zielen gehören:
Gerade in Teams kann es wertvoll sein, diese Ziele regelmäßig zu definieren und gemeinsam zu verfolgen. So kann Aggressionsmanagement einen entscheidenden Teil zu einem gesünderen Miteinander beitragen. Wichtig ist nicht die Frage: “Wie werden wir Aggressionen los?”, sondern: “Wie gehen wir richtig mit Aggressionen um, wenn Sie auftreten?”.
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In welchen Situationen haben Sie mit Aggressionen zu tun? Haben Sie selbst ein Aggressionsproblem, oder kennen Sie vielleicht einen Choleriker, der regelmäßig an die Decke geht? Aggressionsmanagement ist nicht der einzige Weg, um besser mit Wut und Aggression umzugehen. Vor allem dann, wenn Sie sich wünschen, Ihre eigenen Aggressionen in den Griff zu bekommen. Lesen Sie diesen Abschnitt besonders aufmerksam. Hier finden Sie geeignete Alternativen zum Aggressionsmanagement.
Ein weiterer Begriff, den Sie kennen könnten. Das Anti-Aggressionstraining konzentriert sich darauf, aggressive Verhaltensweisen zu erkennen und zu reduzieren. Sie können es in der Gruppe, oder auch einzeln besuchen. – Aber aufgepasst: Anti-Aggressionstraining wird meistens als Maßnahme für Straf- und Gewalttäter angewandt (Weidner, 2011). Wenn Sie also ein Problem mit Gewalt oder Straftaten haben, dann ist diese Lösung vielleicht nicht optimal für Sie.
Haben Sie schon einmal über eine Aggressionstherapie nachgedacht? Zur Behandlung von Aggression kommen mehrere Therapiemethoden infrage. Beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie (Lee & DiGiuseppe, 2018). Sie zielt zum Beispiel darauf ab, die eigenen Verhaltensweisen zu erkennen und zu ändern. Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie und die Psychoanalyse hingegen haben einen anderen Ansatz. Sie versuchen unter anderem, verborgene Gefühle und Konflikte zu erkennen (Lee & DiGiuseppe, 2018). Außerdem unterstützen sie den Betroffenen dabei, die Ursachen der Aggressionen besser zu verstehen und zu bewältigen. Auch eine systemische Therapie kann helfen (Hoogsteder et al., 2020). Hier wird der Schwerpunkt auf den sozialen Kontext von Störungen gesetzt.
Wut rauslassen, oder Wut abbauen? – Eine weitere Alternative ist der gezielte Abbau von Wut und Aggressionen. Er kann durch Bewegung, Sport (Hassmén et al., 2000) oder Entspannung (Moral, 2017; Nickel et al., 2005) erfolgen. Diese Vorgehensweisen können Ihnen helfen, aufgestaute Energie loszuwerden. Dadurch können Sie in hitzigen Situationen einen kühlen Kopf bewahren.
Manche Menschen raten manchmal: “Schlagen Sie einfach in ein Kissen!” - diese Methode führt nicht zu einer reduzierten Aggression, sondern zu mehr Wut und Aggression (Bushman et al., 2001), was sich in Studien zeigen konnte (Bushman et al., 1999; Bushman, 2002). Deshalb wird ausdrücklich von dieser Methode abgeraten. Unter folgendem Link finden Sie hingegegen Hausmittel gegen Aggressionen die helfen können.
Ja, impulsives Verhalten kann nicht nur übermäßiges Glücksspiel (Ioannidis et al., 2019) oder zwanghaftes Shoppen (Maraz et al., 2015) zufolge haben. Manchmal neigen impulsive Menschen auch zu aggressiven Verhaltensweisen (Hollander et al., 2006). Um die Impulse besser kontrollieren zu können, eignen sich verschiedene Strategien. Dazu gehören beispielsweise Selbstbeobachtung (Glass et al., 2019) und kognitive Verhaltenstherapie (Grant et al., 2011).
Wichtig!
Denken Sie daran, dass Wut eine natürliche menschliche Emotion ist. Das Ziel besteht nicht darin, sie loszuwerden. Vielmehr sollte aber jedes Mitglied einer Gemeinschaft konstruktive Wege im Umgang mit Aggression finden. Egal ob in beruflichen Kontexten, in Beziehungen oder für das persönliche Wohlbefinden. – Die richtige Handhabung von Aggression ist der Schlüssel zu mehr Harmonie und besserer Kommunikation.
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Arnetz, J. E., Hamblin, L., Essenmacher, L., Upfal, M. J., Ager, J., & Luborsky, M. (2015). Understanding patient‐to‐worker violence in hospitals: A qualitative analysis of documented incident reports. Journal of advanced nursing, 71(2), 338-348. https://doi.org/10.1111/jan.12494.
Bushman, B. J. (2002). Does Venting Anger Feed or Extinguish the Flame? Catharsis, Rumination, Distraction, Anger, and Aggressive Responding. Personality and Social Psychology Bulletin, 28(6), 724–731. https://doi.org/10.1177/0146167202289002.
Bushman, B. J., Baumeister, R. F., & Phillips, C. M. (2001). Do people aggress to improve their mood? Catharsis beliefs, affect regulation opportunity, and aggressive responding. Journal of Personality and Social Psychology, 81(1), 17–32. https://doi.org/10.1037/0022-3514.81.1.17.
Bushman, B. J., Baumeister, R. F., & Stack, A. D. (1999). Catharsis, aggression, and persuasive influence: Self-fulfilling or self-defeating prophecies? Journal of Personality and Social Psychology, 76(3), 367–376. https://doi.org/10.1037/0022-3514.76.3.367.
Farrell, G., & Cubit, K. (2005). Nurses under threat: a comparison of content of 28 aggression management programs. International journal of mental health nursing, 14(1), 44-53. https://doi.org/10.1111/j.1440-0979.2005.00354.x.
Glass, O., Dreusicke, M., Evans, J., Bechard, E., & Wolever, R. Q. (2019). Expressive writing to improve resilience to trauma: A clinical feasibility trial. Complementary therapies in clinical practice, 34, 240-246. https://doi.org/10.1016/j.ctcp.2018.12.005.
Grant, J. E., Donahue, C. B., & Odlaug, B. L. (2011). Treating impulse control disorders: A cognitive-behavioral therapy program, therapist guide. Oxford University Press.
Haase, V. (2015). Systemisches Aggressionsmanagement: Professionalitätsentwicklung im Kontext von Weiterbildung, Habitus und Kompetenz. Universität Potsdam.
Hassmén, P., Koivula, N. & Uutela, A. (2000). Physical Exercise and Psychological Well-Being: A Population Study in Finland. Preventive Medicine, 30(1), 17–25. https://doi.org/10.1006/pmed.1999.0597.
Hollander, E., Baker, B. R., Kahn, J., & Stein, D. J. (2006). Conceptualizing and assessing impulse-control disorders. Clinical manual of impulse-control disorders, 1-18.
Hoogsteder, L. M., Schippers, E. E., Sweers, N., & Stams, G. J. J. (2021). A quasi‐experimental pilot study to the effects of Responsive Aggression Regulation Therapy (Re‐ART) Outpatient for young adults. Journal of forensic sciences, 66(3), 971-981. https://doi.org/10.1111/1556-4029.14648.
Ioannidis, K., Hook, R., Wickham, K., Grant, J. E., & Chamberlain, S. R. (2019). Impulsivity in gambling disorder and problem gambling: A meta-analysis. Neuropsychopharmacology, 44(8), 1354-1361. https://doi.org/10.1038/s41386-019-0393-9.
Lee, A. H., & DiGiuseppe, R. (2018). Anger and aggression treatments: a review of meta-analyses. Current opinion in psychology, 19, 65-74. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2017.04.004.
Maraz, A., Griffiths, M. D., & Demetrovics, Z. (2016). The prevalence of compulsive buying: a meta-analysis. Addiction, 111(3), 408-419. https://doi.org/10.1111/add.13223.
Moral, A. (2017). Guided meditation: A regimen for mental health. Indian Journal of Health and Wellbeing, 8(2), 180-182.
Nickel, C., Lahmann, C., Tritt, K., Loew, T.H., Rother, W.K. and Nickel, M.K. (2005), Stressed aggressive adolescents benefit from progressive muscle relaxation: A random, prospective, controlled trial. Stress and Health, 21: 169-175. https://doi.org/10.1002/smi.1050.
Pilsecker, G., Walter, G., Wolff, S., & Schillen, T. (2006). Wirksamkeit eines systematischen Aggressionsmanagements in einer psychiatrischen Abteilung–Erfassung mittels Mitarbeiterbefragung. Wissen schafft Pflege-Pflege schafft Wissen, 370-371.
Richter, D. (2005). Effekte von Trainingsprogrammen zum Aggressionsmanagement in Gesundheitswesen und Behindertenhilfe: Systematische Literaturübersicht.
Schirmer, U., Mayer, M., Vaclav, J., Papenberg, W., Martin, V., Gaschler, F., & Özköylü, S. (2010). Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege: Grundlagen und Praxis des Aggressionsmanagements für Psychiatrie und Gerontopsychiatrie. Schlütersche.
Weidner, J. (2011). Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT®) zur Behandlung gewalttätiger Intensivtäter. In: Boeger, A. (eds) Jugendliche Intensivtäter. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-93017-6_5.
Katrin Hoster ist zertifizierte NLPlerin, Headcoach und einer der beiden Gründer der Wut Coaches. Als erfahrener Coach im Bereich Aggressionsbewältigung hat sie sich seit 2018 voll und ganz auf das Thema Wut und Aggression spezialisiert und kann auf einen großen Erfahrungsschatz mit mehreren 1000 Wut- und Aggressionsklienten zurück blicken.
Ferdinand Kirchhof ist Psychologe (M.Sc.). Er arbeitet bei den Wut Coaches als psychologischer und wissenschaftlicher Berater und seine Expertise fließt sowohl in unser Coaching als auch in unsere Veröffentlichungen. Er ist der Co-Autor dieses Artikels, zusammen mit Katrin Hoster als Autorin.
Kerstin Bickert ist Psychologin (B.Sc.) und Sozialpädagogin (B.A.). Sie arbeitet bei den Wut Coaches als psychologische und wissenschaftliche Beraterin und ihre Expertise fließt sowohl in unser Coaching als auch in unsere Veröffentlichungen. Sie ist die Autorin dieses Artikels, zusammen mit Katrin Hoster als Co-Autorin.